Sunday, June 28, 2009

Havanna, Capitolio



Die Mittagssonne drückt auf meine Schultern, Arme und Beine, frisst sich in meine Kopfhaut. Ich gieße den Rest der Wasserflasche über meinen Nacken, aber selbst das brennt mittlerweile. Vor einer Woche bot Piero an, mir Havanna zu zeigen; seitdem treffen wir uns jeden Morgen auf der schattenfreien Treppenmitte des Capitolios. Angeblich hat man von hier aus den besten Überblick und findet sich deshalb auch am schnellsten. Jeden Morgen warte ich Stunden auf Piero.
Während ich weiter darauf hoffe, seine weiße Kleidung auf der anderen Straßenseite oder zwischen den alten Karosserien auf dem Parkplatz zu entdecken, sehe ich, wie eine Frau die Treppe zu mir hochsteigt. Vor jedem Tritt bläst sie die Backen auf und presst die Luft, sobald sie eine Stufe höher gekommen ist, wieder hinaus. Dabei heben und senken sich ihre Fettschichten unter der karierten Bluse und ihre Tasche, die sie am Riemen umklammert hält, schlägt an die Stufen. Ihr Blick ist fest auf den Eingang des Capitolios gerichtet. Sie sieht den kleinen Schlepper nicht kommen. Noch bevor sie mich auf halber Strecke erreichen kann, stellt er sich ihr in den Weg. „Water, Madam? Rum, Cigars?“ Er springt in einem kleinen Halbkreis um sie herum, bleibt eine Stufe über ihr stehen und ist jetzt genauso groß wie sie. Ihr Fuß, den sie schon zum nächsten Schritt angehoben hat, verharrt in der Schwebe. Kurz sieht es so aus, als würde die Frau das Gleichgewicht verlieren, aber dann gelingt es ihr, den Fuß wieder zurückzuziehen und ihn neben den anderen zu stellen. Noch immer versucht sie an dem Kleinen vorbei das Capitolio zu fokussieren. Doch er folgt ihren Kopfdrehungen und zwingt sie, ihn anzusehen. „Water, Cigars?“, wiederholt er. Sie schüttelt den Kopf. Daraufhin kommt er ihr noch näher, greift in seine Umhängetasche, zieht einen Stapel Postkarten heraus und hält ihn ihr wortlos unter die Nase. Die Frau linst nach rechts und links, als ob sie von dort Hilfe erwarte. „Lassen Sie mich doch“, sagt sie schließlich. Der Kleine tauscht die Postkarten gegen eine Zigarrenschachtel aus. Im selben Augenblick wird er von unten gerufen. Am Fuß der Treppe hat sich einer der Fotografen von seiner Box gelöst und winkt ihn zu sich. Der Kleine lässt die Holzschachtel zurück in seine Tasche gleiten, springt der Frau aus dem Weg und die Stufen hinab. Unten angekommen, wird er an ein junges Pärchen verwiesen, das sich bereitwillig über seine Tasche beugt. Wenige Meter hinter ihnen schlängelt sich Piero durch die geparkten Autos. An seinen Bewegungen lässt sich nicht die geringste Eile ablesen. Mir wird schwindlig, als ich aufstehe. Ich wanke die ersten Stufen hinunter, gehe an der Frau vorbei. Auch sie hat sich wieder in Bewegung gesetzt.