Tuesday, March 10, 2009

President's Day

Der Frühling steht seit ein paar Tagen an der nächsten Straßenecke, in den spärlichen Platanen warten ein paar Vögel auf die Blätter, überall wollen die Leute spazieren, alle sind auf den Beinen. Also fahre ich nachmittags raus, um mir die Nachbarschaft zeigen zu lassen: Brooklyn Heights. Mein Übersetzer und seine Frau wohnen hier samt Hund Alvy (Alvy ist genauso groß wie ein Croissant). Die Linie F ist rappelvoll und rattert, die Leute sprechen fast ausschließlich etwas zu bunt und etwas zu schnell, mein Verstehen ist zu sieben Achtel erratener Unfug (neulich gelesen, dass in New York nahezu alle Sprachen der Welt gesprochen werden, auch solche, die in ihrem Original-Habitat längt verendet und vertrocknet sind). In solch randvollen Zügen und Straßen wird mir deshalb jeder achtlos und leicht zu laut hingeworfene Brocken Deutsch zu einem irritierenden Merksatz. Auf dem Hinweg in der Bahn aufgeschnappt:
"Hühner werden heutzutage nur noch für die Brust gezüchtet."/"Pretty Woman war schon während der Besatzungsjahre immer der Lieblingsfilm meine Vaters."/"Lass uns von Morgen schweigen, lass uns hier sein und jetzt!"

In diesem Sinne: Carroll Gardens ist ein schöner Flecken Erde, Alvy kommt mit, Brooklyn Heights leuchtet ebenfalls und ist dazu noch literaturhistorisch wertvoll, meine Güte, an jedem zweiten Gebäude hängt eine Zitatplakette. In einem Gebrauchtbuchladenschaufenster steht Max Brods Über Franz Kafka neben ein paar Edgar-Wallace-Büchern. Wir spazieren durch die Gegend, Alvy springt (ganz Croissant) um uns herum, während wir Kaffee trinken und das erste Vanilleeis des Jahres essen. Die Sonne scheint, zur Feier des Tages bellt Alvy mutig Thomas Wolfes ehemalige Mietwohnung an (fast singt er), dann pinkelt er W.H. Audens Haus ans Schienbein. Auf der Promenade und vor der Skyline wird ein fremdsprachiges und sehr langsames Musikvideo gedreht. Die Menschen spazieren in Dreierreihen, Babys jubeln, Croissant-Alvy bringt den Sänger aus dem Takt und Konzept. Aufgeschnappte deutsche Merksätze auf der Promenade:
"Man muss einmal in einem Münchner Hotel gearbeitet haben."/"Früher sind wir einmal mehr gewesen. Und besser."/"Das Wetter macht grundsätzlich, was ich will."

Apropos Wetter: morgen ist President's Day, New York trägt Obama-T-Shirts, es sollte eigentlich einiges besser werden. Ist es aber nicht. Die Schilder auf dem Rückweg: LOST THE LEASE! und GOING OUT OF BUSINESS! und EVERYTHING MUST GO! und NOTHING HELD BACK! Zur Rezession muss also auch noch etwas gesagt werden. Alle sprechen davon, man sieht es im Stadtbild, ausgerechnet zum Frühlingsanfang nagelt sich New York verstärkt die Schaufenster zu. Plötzlich erinnern sich die Dreissigjährigen an das letzte Jahrhundert, plötzlich schauen alle verstohlen ins Portemonnaie. Es werde weniger reserviert, sagt man, es werde weniger geliefert, es werde weniger in Hotels übernachtet, aber man lese wieder Joe Mitchell. Es wird früher getrunken, weil früher trinken billiger trinken bedeutet, es gibt "Recession-Happy-Hours". Das Wort ist allgegenwärtig wie ein Werbeclaim, für jeden Ausverkauf muss die Wirtschaftslage herhalten, sogar für Anti-Rauch-Kampagnen ("remember: lungcancer is recession-proof"). Schließlich an der Kreuzung Bleecker und LaGuardia der letzte aufgeschnappte Merksatz für heute:
"New York ist ein Gestrüpp und wir sind eine marodierende Horde."

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