Wednesday, October 17, 2007

Marfa

wie sie über der Hüfte ihr Rock-Tuch festzurrt
zieht zu enger werdenden Kreisen
sich, eine Winde, schräg in die Luft stellt

wie sie so zum Stehen kommt, ragt ihr Gesicht
in die Grenze zwischen zwei Ton-Feldern

sie hält dort lange still : nichts an ihr flirrt
(wie Narzissen flirren)
kurz aber leuchtet sie auf

hält dann die Hand ihrem Mund an
geschnittenes Blatt

unverbundene Ränder

Paje

durchs Strandbild läuft gerade eine Bordüre
kopflose, ineinander verzerrte Rinder
scheren die eben noch auswachsende Weißweide
den eben noch Blauanstrich :

er verweigert sich zunehmend den Blicken
lagert sich möglicherweise ein in den Rändern
(ist möglicherweise im Begriff dies zu tun)

die Touristen hängen den Rindern an
wie und nicht nur wie einer Erscheinung

wahrscheinlich lichtete sich jetzt, lägen nicht Dhaus
im (wäre es) Wasser, etwas Geheimnisloses

(wie Schnee-Sporn)

Monday, October 15, 2007

Lagos, immer wieder Lagos

Seitdem ich beruflich nach Lagos reise, sagt die Wettervorhersage immer dasselbe:

Geändert haben sich dagegen die Einreisebestimmungen. Um den großen Massen Herr zu werden, die in Nigeria Urlaub machen oder in die sozialen Sicherungssysteme einwandern möchten, hat der Staat ein zentralisiertes Online-Visumsantragssystem eingerichtet. Dieses System eignet sich zwar sehr gut zur Belastung der eigenen Kreditkarte, deutlich weniger gut aber für den Erhalt eines Visums. Daher sind nun in meiner Firma drei Mitarbeiter einen halben Tag lang damit befasst, die technischen Voraussetzungen zu erfüllen, um den Antrag gegen den erbitterten Widerstand des Systems abzuschicken. Ebensoviele Leute sind wiederum in der Botschaft der Bundesrepublik Nigeria damit befasst, die Angaben des ausgedruckten Online-Antragsformulars in das alte Offline-Formular zu übertragen, damit er bearbeitet werden kann. Und wiederum drei Leute sind im Flughafen Lagos damit ausgelastet, meinen Reisepass bzw. den darin enthaltenen Visumsaufkleber zu analysieren und abzustempeln.

Halny (Krakau)



Auf dem Parkett liegt ein eingetrocknetes Blatt, von dem ich erst dachte, es sei eine winzige Kröte. Seine Ränder sind nach innen gewölbt, als habe es sich zusammenziehen wollen, um sich auf diese Weise fortzubewegen und sei dann in dieser Bewegung erstarrt. Eine eigenartige Form herbstlicher Schwüle liegt im Zimmer. Die Bäume draußen biegen sich unter starkem Wind, den man kaum hört.

Ich wechsle meine Bettbezüge und sehe, dass ich die ganze Zeit auf einem Tigerkopfkissen geschlafen habe. Der Tigerkopf, grob gedruckt in braun-weiß, befindet sich nicht auf dem Kissenbezug, sondern auf dem Kissen selbst. Im Hintergrund des Tigerkopfes riesige Palmen, Farne und die Andeutung eines weiteren Tigers. Darauf habe ich geschlafen. Leicht und weiß kreisen ein zwei Gedanken immer wieder um meine Stirn, wie Fliegen.

Es sind Fliegen.

Draußen durchziehen Magnetfelder die Luft, einander anziehende, einander abstoßende. Der Wind hat genau dieselbe Temperatur wie seine Umgebung. Meine Haut, unter dünner Kleidung, ist elektrisch aufgeladen. Halny. Fallwind von der Tatra. Macht alle verrückt, ohne dass sie es bemerken. Es sind Haarrisse von Verrücktheit, die sich durchs Hirn ziehen.

Die Frau, die das Holz stapelt, drüben am Pferdehof, ich sehe sie zum ersten Mal. An der Längsseite des Stalls stapelt sie kleingeschlagenes Holz. Sie läuft in kleinen, schnellen Schritten hin und her zwischen einem großen Haufen Holz und dem Stall. Ihre Kittelschürze, ihr großer Pullover und ihr lose hochgestecktes Haar wehen im Wind. Sie ist alt. Sie singt und spricht vor sich her, und das wird alles vom Wind sofort weggenommen.

Halny ist aufsässig. Aber nichts geht an ihn verloren. Dadurch ist die Luft so dicht. Das Licht ist weich und trüb in den Wind integriert.

Von allen Richtungen fliegen Blätter auf mich zu. Sie bleiben um mich herum liegen, auch auf mir; an meinem Pullover kleben schon vier. Sie sind klein und trocken; sobald ich sie anfasse, fallen sie auseinander.

Die alte Frau hat immer nur einen Holzscheit in die Hand genommen. Sie ging mit dem Holzscheit zur Wand. Das Holz war schon hoch aufgestapelt. Ein Fenster des Stalls war bereits zur Hälfte dahinter verschwunden. Sie musste sich recken, um den Scheit oben auf legen zu können.

Sie erzählte mir etwas, über den Zaun hinweg, als ich vorbeiging, auf dem Weg zum Park. Ich verstand ja nichts. Ich sagte tak tak und sie lächelte mir freundlich zu, erzählte weiter, sang, nahm den nächsten Scheit.

Das Tigerkopfkissen liegt jetzt im Schrank unter den Handtüchern.

Halny dauert meist nur einen Tag, selten zwei.

Transliteration (Krakau - Ukraine)


In kyrillischen Schriftzeichen hinterließ L., die ukrainische Übersetzerin, hoch und biegsam, eine Nachricht auf einem Zettel, an die Spüle gelehnt, mit zwei Ausrufungs­zeichen. Keiner transliterierte diese Nachricht.

Manchmal, wenn L. in Musik gekleidet am Abend in der Küche steht, sehr dünne, feste Zigaretten raucht, Marke Iris, und ihre enge helle Kleidung trägt, ist sie schön, geheimnisvoll und jung. Dann unterhält sie sich in ukrainisch mit Tania und Andrej, sie läuft umher, holt aus dem Schrank ukrainischen Schnaps, schüttet ihn in einen Topf und zündet ihn an. Beim Reden lacht sie hin und wieder, aus dem Schnapstopf flammt es blau und gelb. Der ukrainische Wodka ist ausgetrunken. Mirek hatte ihn mit Wasser abgelöscht. Der georgische Wodka von Ambrosi ist auch nicht schlecht. Dog in the fog ist süßes trübes Kopfschmerzbier.

Manchmal, wenn L. in ihrem Jogginganzug am Tag in die düstere Küche tritt, um sich einen Tee zu machen, ist sie ein alter, ausgedünnter Geist, der seine Energie in einer Hand zu tragen scheint wie eine Waffe, die gerade nicht benutzt wird, aber jederzeit einsatzbereit ist. Ihre Arme hängen herab, nur ihre Augen bewegen sich, wie die einer Eule, in den Höhlen hin und her.

Faltenlose, weiße L.

Wednesday, October 10, 2007

Nkhata Bay

Rinden-Striche in Kies, Naht
tiefe Blattkurven, -Narben
Gewölbe eines Bootes

die schale Farbschicht
wirft Schrift-Risse
anbei befaulte Palmbank
Absteg zum See

der Nacht-Flucht der Mango
reift (unbestimmtes) Licht nach

Cape McLear

die ebenmäßigen Fische
werfen jetzt kleinere Scharten
ins Schilf-Licht, fast nichts
übersehbare Echsen divers
in Holz skizziert :
unberingte, unberindete Masken

die Zeichnung des Nachtwächters
kippt aus dem Rahmen, stutzt
surrt, ein vielleicht Generator, moskitohaft an

Sunday, September 30, 2007

Fünf Anfangssätze für fünf Romane über Island

1 Herr Island trat aus seinem Haus in seinen Gemüsegarten, der Himmel war wie jeden Morgen auch heute da, und die Tomaten schienen über Nacht an Röte und Größe gewonnen zu haben, so dass Herr Island den Entschluss fasste: es reicht, es reicht jetzt wirklich.

2 Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wer zuerst auf die Idee kam, wahrscheinlich war es Zinke, es könnte aber auch Manuel gewesen sein - Manuels kreative Energien hatten meistens mit dem Verschwinden der Dinge zu tun -, doch heute, am 29. September 2007, und hier, auf einer verstaubten Straße im Süden von Peru, auf der Flucht vor der internationalen Justiz, scheint es mir wichtiger denn je, mich an den Tag zu erinnern, an dem wir geschworen hatten
, Island zu sprengen und für immer zu versenken.

3 Eine Woche nach der Geburt seines Sohnes, wachte Michael aus unruhigen Träumen auf, küßte seine schlafende, schöne Frau auf die Schläfe, schrieb auf ein Post-It, "Fänd ich wirklich besser, wenn wir ihn Leo genannt hätten", und bestieg das erste Flugzeug, das noch freie Plätze hatte, eine Maschine der Icelandair.

4 Ich habe mir zur Lebensaufgabe gemacht, isländische Flora und Fauna auf den Stand vom Erzgebirge zu bringen.

5 Wir prügelten uns jeden Donnerstag Abend ab sieben Uhr auf dem Parkplatz vor dem Hagkaup, die Mädchen mussten immer das meiste einstecken, wurden aber besser mit der Zeit, wir gingen, seit wir vierzehn waren, alle zu demselben Psychiater, Professor Þórðarson, der erotische Beflügelung für Nazi-Frauen empfand und aufgrund eines seltsamen Gendefekts keinen Geruchssinn besaß, wir frühstückten nichts mit Ypsilon im Namen, und an Bjarnis achtzehntem Geburtstag liebten wir uns bisexuell zu acht, die Orgie dauerte sieben Stunden, das musste einfach raus und war uns am nächsten Tag sehr unangenehm, wir hörten Björk und schämten uns schweigend und verkatert.

Wednesday, September 26, 2007

Auf nach Bremen.



Weltwohnen in Bremen.
Lesung im Rahmen des Netzschreiber-Stipendiums.
Donnerstag, den 27. September, 20 Uhr
Stadtbibliothek Bremen
Am Wall 201

Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen hier:
http://www.literaturhaus-bremen.de/site/home.html

Sunday, September 23, 2007

Zlarin



Das“, sagt Ante und zeigt auf eine Fotografie an der Wand, die wirkt, als haette jemand den kleinen Hafen bei einer Antikbootmesse geknipst, „ist Zlarin vor hundert Jahren.“ Ich ueberlege, ob ich ihn bitten soll, mit mir vor die Tuer zu treten, zu eben jener Stelle, wo vor hundert Jahren jemand seinen Hafen verewigte. Dort koennten wir gemeinsam auf den Ausloeser meiner Handykamera druecken und das Foto anschließend neben seinen alten Zwillingsbruder halten. Ante legt den Kopf schief und grinst abwechselnd mich und die Fotografie an, als haette er uns bei einer Verschwoerung ertappt. Die Kirchenglocke mischt sich in mein stummes Selbstgespraech ein: Jemand scheint mit einem Holzloeffel und einem Blech die volle Stunde in die Bucht hinunter zu schlagen. Mit jeden Schlag halte ich es fuer moeglicher, eine unabsichtliche Zeitreise unternommen zu haben. Ante und seine Frau Karmela, faellt mir jetzt auf, sind, von zwei doesenden Katzen einmal abgesehen, die einzigen Lebewesen, die mir hier bislang begegnet sind. Ungeruehrt geht Ante mit meinem Reisepass und einem dicken Gaestebuch ins Wohnzimmer, laesst sich in ein Sofa fallen und schlaegt mit der rechten Hand auf die leere Sitzflaeche neben ihm. „Deutsch“, murmelt er und betrachtet das rote Buechlein, „viele Gaeste. Italien. Frankreich.“ Ich nicke und betrachte die dunkle Schrankwand samt dazugehoeriger Porzellanfiguren, die eindeutig einem anderen Jahrhundert als die Fotografie entstammen. Beim lauten Lesen meines Nachnamens zieht Ante interessiert die Augenbrauen in die Hoehe. „Aus Polen, richtig“, bekraeftige ich und sehe zu, wie eine fremde Handschrift meinen Namen schreibt. Feierlich, als wuerde er mir sein Familienalbum zeigen, schlaegt Ante das Buch zurueck, tippt mit dem Finger auf die Namen anderer deutscher Besucher und erzaehlt bruchstueckhafte Anekdoten. Dr. Breuninger scheint ein Mann mit kugelfoermigen Ausmaßen gewesen zu sein, der am liebsten im Wasser lag, seine Ulla hingegen eine wellengleiche Frau, die sich vor allem für Olivenbaeume und Granataepfel begeisterte. Ante lacht in sich hinein, als koennte er noch ganz andere Geschichten erzaehlen. Ich bemerke die Weintrauben auf dem Tisch und frage, ob es seine seien. Ploetzlich strahlt sein Gesicht; er springt auf, laeuft zur Tuer hinaus und kommt mit einer Weinflasche und zwei Glaesern zurueck. Ich traue mich nicht, das Angebot abzulehnen, obwohl die Nachmittagssonne und mein leerer Magen aehnliches erwarten. Erwartungsvoll schaut Ante mich an. Ich nippe, laechle, sage „sehr gut“ und rechne mir ebenso gute Chancen aus, in sein Buch als guten Geschmack einzugehen. Mit ausladenden Handbewegungen und wenigen Worten beschreibt er mir den Stolz des eigenen Weinanbaus, ruft ploetzlich: „Sarah“ und „njemacka“, lacht, als haette das eine mit dem anderen nicht das geringste zu tun. Ich werde muede von so viel Enthusiasmus, zeige auf meinen Rucksack und auf meinen Bauch. Er schiebt mich immer noch lachend zur Tuer. Auf der Treppe nehme ich Karmela das Bettzeug ab. Sie winkt mich in mein zukuenftiges Schlafzimmer, oeffnet die Fensterlaeden und drueckt meinen Oberkoerper hinaus. Die Sonne haengt wie ein matter Scheinwerfer zwischen den Huegeln und erzeugt lange Schatten. Ein Kutter gleitet durch tuerkise und blaue Flecken in den Hafen. Das Foto koennte auch von hier geschossen worden sein. Am Kai steht ein Hund und schuettelt sich, bevor er zu seinem Herrchen aufs Boot springt. Karmela klopft mir auf die Schulter und geht nach unten.




Monday, August 13, 2007

Flugangst und Kontrastprogramm.


Frankfurt – Paris in vier Stunden, der ICE beschleunigt kurz hinter Saarbrücken. Dreihundert Stundenkilometer kann ich irgendwann nicht mehr scharf stellen, hinter dem Zugfenster fädeln sich Blätter, Grashalme und Kieselsteine aneinander, sauber gezogen wie mit dem Lineal. Nur am Horizont erkenne ich Höfe, Baumgruppen, am Himmel versucht Air France vergeblich, uns zu überholen. Einen Meter unter meinem Sitz vibrieren die Räder über neu verlegte Schienen, ich ermutige meinen Sitznachbarn: „Wenn wir jeder einen Arm aus dem Fenster halten, du links und ich rechts, heben wir ab.“ Mein Sitznachbar ist ein achtjähriger Junge, der keine Platzreservierung hatte. Die ist auf der Strecke Frankfurt-Paris Pflicht. Er wurde vom Schaffner getadelt und zur Nachzahlung von fünfzehn Euro aufgefordert. Kurz darauf weinte der Junge still und gedemütigt, jetzt kann er wieder lächeln. Er sieht aus dem Fenster, schaut dann auf meinen Arm. Er lächelt mich aus. Kurz hinter Bondy bremst der Zug uns tief in die Sitze, ich sehe aus dem Fenster und weiß sofort: Steinhäuser mit Pariser Balkonen vor ihren lang gezogenen Fenstern sind nicht beeindruckt von der weißen Schlange, die jetzt durch den Ort zischt. Langsam rollen wir ein, Paris Ostbahnhof, 14:11. Ein amerikanischer Tourist zündet sich gleich am Bahnsteig eine Zigarette an und wird vom Schaffner zurechtgewiesen. Als Texaner verstehe ich kein Französisch, sage laut Sorry und ziehe meine Zunge beim R übertrieben weit in den Rachen. Der Schaffner winkt ab, ich folge den Hinweisschildern: Metro.

Die Linie 4 soll mich bis Montparnasse bringen, dort will ich umsteigen, kurz vor der Haltestelle Cité stoppt die Bahn plötzlich. Eine Einsatzgruppe der Polizei verbiete die Weiterfahrt, man habe die Station Cité gesperrt, informiert uns eine merkwürdig feierliche Stimme aus unsichtbaren Lautsprechern. Mein Gegenüber, ein dunkelhäutiger Mann mit weiten Hosen und IPod-Kopfhörern, die in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwinden, schwitzt augenblicklich seine Angst zum Ausdruck. Mit der Handfläche fächelt er sich Luft zu, die schon nach einer Warteminute so dünn ist, dass ich überlege, ob ich im Notfall zwischen Waggon und Wand des U-Bahnschachts passe. Zwei Kleinkinder haben auf genau diesen Moment gewartet und weinen begeistert durch den Fahrgastinnenraum. Wir sitzen gute zwanzig Minuten. Dabei kommen wir uns näher, wenn näher kommen bedeutet, dass man sich riechen lernt. Ich rieche Christen, Buddhisten, Islamisten, ich rieche Dutzende Nationen und die jeweilige Art, mit einer Stresssituation umzugehen. Als ich mich meiner Verantwortung nicht mehr entziehen und eine Zugrevolte anführen will, fährt die U-Bahn wieder an. Sofort ist die Luft besser, ich schließe die Augen. Am Bahnhof Montparnasse weiß ich dann wieder, warum ich gegen Beton bin. Dunkelgraue Deckenplatten hängen tief über unseren Köpfen, ein paar Tauben kunstfliegen zwischen den Umsteigern hindurch. Ich überlege, wem ich mich erklären könnte und verpasse beim Suchen beinahe den Anschluss, 16:34 nach Lorient. Wagen 11, Erste Klasse, ich hechte in die Tür, die sich gleich darauf zischend schließt. Im französischen TGV bedeutet Erste Klasse ein höchstens menschenwürdiges Maß an Beinfreiheit, der Aufpreis beträgt zehn Euro. Die Sitze des TGV aus Plastik, sie lassen sich nicht zurückstellen und sind in der Zweiten Klasse so eng aneinander geschraubt, dass man sich wünscht, im Flugzeug zu sitzen. In der Ersten Klasse ist heute jeder Platz belegt, die Fahrgäste verflüstern einander die Zeit, wenn ein Handy klingelt, steht der Angerufene auf und geht aus dem Waggon. Ich lege meinen Kopf an die Scheibe und will einschlafen, sofort kommt der Schaffner. Kurz darauf erinnert mich meine Blase, warum man auf Reisen keinen Kaffee trinken sollte.

Die Toilette des TGV ist so klein, dass ich mich um die Tür herumwinden muss, aus dem Gleichgewicht gerate und mich am Waschbecken festhalte, um nicht zu stürzen. Im Spiegel kann ich mir bei diesen ungelenken Bewegungen zusehen und mich lächerlich finden. Bevor ich erledige, wozu ich gekommen bin, muss ich Notizen machen. „Ein bis zwei Quadratmeter, Dixieklogeruch, bräunlich verfärbte Brille, Kaugummis auf dem Fußboden, kein Witz: Die Erste Klasse Toilette des TGV.“ Ob man das als Tourist charmant nennen darf? Um halb Neun erreichen wir Lorient, auf den Straßen betrinken die Kelten einen historischen Feiertag, der Rock für den Mann ist hier Testosteronzeugnis. Wo ich auch hinsehe: stark behaarte Waden. Später in Larmor Plage zaubert die untergegangene Sonne ein zartes Rosa an den Abendhimmel, die Assiette de Mer ist vorzüglich. Kontrast ist etwas, das ich mir lobe.

Tuesday, July 17, 2007

knapp elf jahre her

Heute ist ein besonderer Tag, heute soll das Wasser kommen. Heute morgen zertritt Svensson Ameisen und Spinnen, er fegt die Schlafräume und den Hof, er trinkt den zuckersüßen Kaffee. Svensson ist dünn geworden, er hat zwei Wochen Erbrechen und Durchfall hinter sich, er hat drei Nächte neben der Toilette gelegen. Er trägt jetzt Freundschaftsbänder um die Handgelenke wie alle Europäer in der Fundacao Ajuda, für die Gesundheit, für das Glück. Um elf nehmen die beiden den Pick-Up und fahren in die Stadt. Sie kaufen Trinkwasser, drei Sack Beton und zwei Eisenstangen für die letzten Stufen zum Wasserturm. Sie kaufen Bier und eine Flasche Champagner. Svensson und Felix arbeiten Hand in Hand, sie sägen, zimmern, nageln. Auf den Gleisen hinter der Fundacao Ajuda de Nossa Senhora sitzen die Schienenkinder mit ihren Plastiktüten und Klebstoffbüchsen, im Hof stehen die Hungrigen barfuss Schlange, es gibt Fejuada und Reis, Oi, Gringos sagen sie zu Svensson und Felix. Um halb zwölf sind die Stangen gebogen, vierzehn Metallhaken bis ganz nach oben, den letzten bringen sie gegen zwölf an. Sie überprüfen die Rohre hoch zum Reservoir, sie lassen die Pumpe Probe laufen. Dann steht der Wasserturm, sie haben zwei Monate dafür gebraucht. Der Wasserturm ist ein großes Blechfass auf vier Beinen, in Beton gegossen und neun Meter hoch. Er steht mitten in der Rua do Lixu: gegen den Dreck im Viertel, gegen die Vergiftungen, gegen die Bakterien, gegen das Sterben der Kinder. Felix ist zwei Monate jeden Tag mit dem Pick-Up in die Stadt gefahren und hat mit dem europäischen Geld Beton gekauft, Rohre, Holz, Drahtgitter. Die Leitung verläuft illegal über das Feld zwischen Rua do Lixu und Seraverde, vierhundert Meter Plastikrohre zwanzig Zentimeter unter dem Staub, von den Tagelöhnern in der Dämmerung vergraben, die staatlichen Leitungen nur inoffiziell angezapft, Santos hat die Schlüssel gegen eine freundliche Spende zur Verfügung stellen können. Die Pumpe läuft mit Diesel. Für eine geringe Gebühr, Compadres, hat Santos gesagt, würde ihm und Lula das alles gar nicht auffallen. Alle haben geholfen: David kann schweißen, Svensson kann Beton rühren, Felix kann im Gerüst hängen und die Tagelöhner dirigieren, das Buch in der Hand, "Water-Supply-Systems for Home Farming" von Williams/Steynman, Seite 27 bis 35, einfach ungefähr alles mal drei.

Heute ist ein entscheidender Tag, heute wird Seraverde blau oder rot, heute stehen in ganz Pernambuco Wahlen an. Die Blauen und die Roten haben blaue und rote Trio Eléctricos auf die Plätze der Stadt gestellt, Sattelschlepper mit Bühnen und Boxen, durch die Straßen fahren rote und blaue Volkswagen Käfer mit Megaphonen, sie verkünden ein rotes und ein blaues Fest: heute abend Freibier und Fohor, heute abend Schnaps! Wählt die Blauen! Wählt die Roten! Auch in der Rua do Lixu wird entschieden, es gibt Schnaps und Versprechen gegen Stimmen: wählt ihr uns, meus Amigos, gibt es zwei Sack Beton pro Kopf! Der Bezirkspolizist Santos ist der Kandidat der Roten für die Rua do Lixu, der Arbeiterpartei PT, überall sieht man Bilder mit seinem Schnurrbart, an Wänden, Autos und Eselkarren. Warum ausgerechnet der Polizist?, fragt Svensson und Felix vermutet, es wird an seiner Arbeit liegen, Santos kennt jeder, alle haben ihn schon bezahlt. Gegen Nachmittag ist Santos noch einmal durch die Straße flaniert, Lula heißt Lula nach unserem nächsten Präsidenten, hat er gesagt, Lula da Silva, merkt euch diesen Namen! Der weiße Hund trägt ein rotes Halstuch. Wählst du mich, Compadre, lasse ich deine Hütte decken, Compadre, mit den guten Ziegeln! Blaue und rote Kinder spielen Krieg, ihre Väter trinken Cachaza. Wetten, Svensson?, fragt Felix, ich setze auf die Roten. Gegen Mittag schlachtet Svensson zwei Hühner, das gleichmäßige Schleudern und präzise Kopf-Ab mit dem kleinen Beil hat er von David gelernt, zur Feier des Tages gibt es Knoblauchhuhn mit Koriander und Piment. Um vier holen die Mütter die Kinder, um fünf werden die schweren Eisentore geschlossen, der Padre spricht sein Abendgebet, er öffnet eine Flasche Antarctica und verteilt die Gläser. Alle sitzen um den runden Tisch im Hof, der Padre, David, Ailton, Lucinda, Cris, Felix, Svensson, Ivan. Urinating is good for you, sagt der Padre nach dem dritten Bier. Heute ist ein besonderer Tag, heute spielt das Radio Girl from Mars, heute wehen Merengue und Fohor von den Trio Eléctricos herüber, heute klopft es mitten im Beten und Zuprosten leise an die Stahltür der Fundacao Ajuda de Nossa Senhora. David öffnet und im Staub der Rua do Lixu steht eine kleine blonde Frau mit Rucksack und ohne Schuhe. Ich bin Tuuli, sagt sie, ich bin freiwillig hier.

Thursday, July 05, 2007

tel aviv

befremdung durch das verhalten eines anderen menschen (eine dunkelgelockte junge frau in einem gelben trägerkleid weint kompromißlos in ihr telefon) an einem, mir bis gerade eben fremden ort (garten des cafés sonya gaetzel shapira), wo wir uns jeweils alleine und in keiner weise zueinander verhalten haben, und dann klingelt ihr telefon (eine schöne frau, die weint, auflegt und die hand über die augen legt) und ich verstehe kein wort.

andrew ist engländer, hat ein semester philosophie studiert und lebt seit drei monaten in tel aviv; er bestätigt sich das regelmäßig in seinem blog, die besucherzahlen steigen kontinuierlich, eine australische zeitung habe ihn neulich kontaktiert, ob er sich eine “richtige” (universeller code: das aufhängen der anführungsstriche mit zeige- und mittelfingern in der luft) kolumne vorstellen könne (gelacht habe er, sich aber auch geschmeichelt gefühlt). “Every morning”, sagt er, “I give myself a new task for the day - it’s like an urgent question in need for an answer - I blog the answer!” (”talk to a local about his joys and worries without mentioning your own”).

zwei jungs kaufen in einem supermarkt eine kartoffel und eine packung strohhalme. es ist spät in der nacht.

alleine reisen: eine ständige auseinandersetzung mit dem eigenen verhalten und mit dem hinterfragen des eigenen verhaltens und mit dem beobachten des hinterfragens des eigenen verhaltens (alleine an einem ort sitzen, an dem nicht alleine sitzen wesentlich angenehmer und angebrachter wäre, unter bäumen, auch palmen, in einem kleinen hinterhof, in dem eine schöne weinende frau aufsteht, um zu zahlen).

“go to a cultural event and afterwards meet someone involved.”

mit jemandem unaufälligen unterwegs sein (mit mir).

nur von teelichtern beleuchtet und vom weichen hebräisch vertont, gärten, hinterhöfe, frisuren. ich bin ein auf spiel konzentriertes kleinkind (beobachte, notiere, trinke, esse - hauptsache: zu tun haben, denn hat man zu tun, stört man weniger), denn spielt man, hindert man seine körperhaltung daran, tatenlos auszusehen.

in yafo am strand: eine junge nonne und ein junger soldat waten durch das seichte meer, sie schürzt ihr schwarzes Gewand über die Knie hoch, er trägt eine kurze olivgrüne hose (nicht alles resultiert aus einer laune, vieles ist schlicht und einfach bullshit).

der alleinreisende (ich) ist abends auffälliger, mißt einem kurzen gespräch mit einer kellnerin eine wahnsinnsbedeutung bei.

“eat something typical for israel, ask what it is, teach yourself how to prepare it.”

mein beitrag zu den legenden über das schreiben: schreiben/notieren/recherchieren führt unterwegs dazu, dass man sich selbst in geringerem umfang als ausgangssituation fürs nachdenken nimmt, dafür mehr die anderen bei ihrem nachdenken und einander beobachten und miteinander magisch kommunizieren kommentiert; eine art dialog entsteht, man führt ihn mit den entworfenen figuren (dem englischen blogschreiber), die figuren kratzen sich, harren konflikte aus, man bezieht sich dazu (zu ihren problemen) und schlägt so die zeit erfolgreicher tot als mit schüchternheit.

alisah beginnt ihren nächsten satz mit: “das klingt jetzt vielleicht etwas faschistisch, aber”, und es folgt eine kleine patriotische einlage zum land, zum kampf, zur abgrenzung vom islam usw. auf alisahs handgelenk - ein rotes blumentatoo (schlecht auszumachen im dämmrigen licht dieser schönen bar namens ginzburg).

leise sprechende sprecher sprechen sich vor einer kulisse aus bauhaus-gebäuden (helles rosa, beige) aus, eine katze kitzelt die tischbeine, schokoladensouffle mit vanilleeis (wie das schmeckt, heiß und kalt!), auf autowaschen wird nicht wert gelegt, in den fenster klemmen kleine blauweiße fahnen, und auch heute keine waffe in meiner tasche, ach tel aviv, shht, ein mittelmäßiges fernseh-drama im hotelzimmer, eine schale mit früchten, auch getrockneten, ganz in der nähe, und alisah mag die achtziger-musik.

“diskuss the political situation in middle east with somebody you meet for the second time, but then direct the conversation to something completely different, soccer or sunburn or being alone for example.”

Wednesday, July 04, 2007

Ausgezeichnetes Weltwohnen.



Mehr Informationen unter:

http://www.literaturhaus-bremen.de

Wednesday, June 20, 2007

Jemen oder die große Verwirrung

Die meisten Menschen würden wohl der Behauptung zustimmen, dass es ziemlich ärgerlich ist, nach Jemen zu reisen, dort mehrere Tage ausschließlich in abgeschirmten Stadthotels zu konferieren, dann eine zweistündige Stippvisite in die Realität zu unternehmen und schließlich wieder zurück zu fliegen.

Leider gehören Ärgernisse auch zum Broterwerb. Also wieder mal kein Murren. Stattdessen die 2 Stunden für eine Primärerhebung in der historischen Altstadt von Sana'a genutzt.

a) Anteil der Männer am Volk auf den Straßen: 90%
b) Anteil der komplett verschleierten Frauen an insgesamt zirkulierenden Frauen: 90%
c) Anteil der Männer, die einen Krummdolch am Gürtel tragen: 95%
d) Anteil der Männer, die im Laufen einen Batzen Qat* in der Backe mit sich führen: 100%
e) Anteil jemenischer Staatsbürger am Servicepersonal der 5-Sterne-Hotels: 25%

e) soll übrigens daran liegen, dass der Jemenit es gerne etwas relaxter angehen lässt, was die Arbeitszeiten anbelangt. Was wiederum an d) liegen soll und zudem ein Grund dafür ist, weshalb die Krummdolche meistens im Halfter bleiben.

Nach zwei Stunden eines zutiefst soziologischen Tourismus in der grandiosen steinernen Altstadt und einigen Ausflügen in die sogenannten Mafratsche (aka Wohnzimmer) einiger ausgewählter Einwohner war es das dann auch schon wieder - bzw. wäre es schon wieder gewesen, denn der berühmte Langmut des Jemeniten zeigt sich auch in der Lebensmittelhygiene, wodurch einige meiner zentralen Organe erstmal eine Sonderschicht einlegen mussten.

Schließlich hat mich das Land aber doch gerade noch so wieder ausgespuckt, so dass ich nun wieder in Berlin sitze und mich immer noch nichts als wundern kann über dieses Land, das kulturell so wahnsinnig weit von uns entfernt ist, dass ich mich frage, wie ich dasselbe überhaupt über vergleichsweise geistesverwandte Länder wie Simbabwe oder Nigeria denken konnte.

* leicht toxisches Kraut, dass in Teilen der arabischen Welt und Ostafrikas sehr beliebt ist. Macht allerdings grüne Zähne und dauert 4 Stunden bis zum gewünschten Effekt.

Tuesday, April 24, 2007

Europa.



Erst unter der Schranke durch, ganz vorsichtig. Um das Grenzhäuschen herumlaufen, auf Zehenspitzen. Durch die Ritzen der Rollläden spähen (dunkel). Der Wald auf der anderen Seite genau wie auf der anderen Seite, auch die Luft dieselbe. Überhaupt ist niemand zu sehen. Rufen (Hallo?). Wo sind all die Grenzüberschreiter, bin ich der einzige, etwa? Keine Völkerwanderungen, Südsteiermark ist Südsteiermark, hört nicht mehr auf an einem Zaun. Ein bisschen die kleine Straße (aufgebrochen) runterlaufen, weiter rein nach Slovenija/Slowenien/Slovenia/Eslovenia/Slowenii/Slovénie. Vielleicht bis nach Ljubljana, weil das so schön nach Jubeln klingt. Es gibt etwas zu feiern. Wir sollten alle viel mehr Luftsprünge machen.

Monday, April 09, 2007

Das Leben ist kein Zuckerschlecken

Die unberechenbaren und ungezaehmten Kraefte der Natur, Menschen in Lebengefahr, gerfordert bis an die eigenen Grenzen und darueber hinaus. Das ist der Alltag den ich mir waehlte.
Ich habe vergessen, wie viele mir ihr Leben verdanken ...

Tuesday, April 03, 2007

Der glücklichste Reisende, der unglücklichste Ankommende


Obige Selbstbeschreibung stammt natürlich nicht von mir, sondern von T.Bernhard, wurde aber bereits von vielen Autoren (und hiermit auch von mir) für eigene Zwecke entliehen. Im konkreten jüngsten Fall meiner Zugreise nach Frankfurt in einem exzellent besuchten ICE verhielt es sich índes genau umgekehrt, teilte ich mein Abteil doch mit sehr vielen Lebewesen, u.a. einer sehr gesprächsbereiten Dame, die ihre vier mitreisenden Kleinsthunde in zwei roten Käfigen mit sich führte, von denen einer zu ihren Füßen, der anderen auf dem Sitz zwischen uns platziert wurde (siehe Bild). Gelegentlich ins Abteil schauende Platzsuchende, die auf den Zwischensitz spekulierten, nahmen nach kurzer Duftprobe schnell wieder von ihrem Ansinnen Abstand. Die o.g. Hunde hatten nämlich die Angewohnheit, immer dann in große Aufregung zu geraten, wenn ihre Eignerin das Abteil verließ; da ihnen allerdings die Mäulchen geknebelt waren, mussten sie diese Aufregung gewissermaßen durch die hinteren Körperöffnungen äußern, was sie in gewisser Regelmäßigkeit taten. Der dabei entstehende Klang erinnerte in etwa an das Aufpuffen von Mais bei der Popcornherstellung.* Eine genaue Aufschlüsselung der Morsezeichen ist mir leider nicht gelungen.

Selten habe ich jedenfalls eine größere Erleichterung und Freude bei der Ankunft in Frankfurt verspürt wie an diesem Samstagnachmittag. Beides hielt jedoch nur bis zum Eintreffen einer Ein-Wort-SMS („Flaschen“) um genau 17.15, in welcher der Ausgang des Eintracht-Spiels zusammengefasst wurde.

* Das erinnert mich wiederum an eine meiner Lieblingsüberschriften aus dem ansonsten sehr traurigen Feuilleton der Berliner Zeitung, Anfang März 2007: „Pupender Bär bringt die Mädels zum Kreischen“. Interessanterweise ging es hierbei jedoch nicht um Knut ™, sondern einen amerikanischen Sänger, der kürzlich in einem Berliner Konzerthaus aufgetreten war.

Friday, March 16, 2007

Antananarivo.


Kurztrip nach Madagaskar: macht eigentlich keinen Sinn, muss aber trotzdem sein, denn die Firma hat prinzipiell Recht. Also Samstag abend nach Paris, eine Nacht im Ibis Charles de Gaulles, Sonntag früh morgens runter nach Antananarivo, Mittwoch nacht wieder zurück. Natürlich alles zum alleinigen Zwecke der Bekämpfung der Armen, äh, Armut.

Antananarivo ist übrigens für madagassische Verhältnisse ein eher kurzer Name, mein Kollege wohnt zum Beispiel in der
Rue Rainandriamampandry. Vornamen, Nachnamen, Städtenamen, Straßennamen: alles zehnsilbig, unaussprechbar und unmöglich zu merken. Daher werden fast alle Namen abgekürzt, Antnanarivo heißt Tana, die Leute heißen Wou, Zou, Lou usw. - Mein Kollege vor Ort heißt weiterhin wie in Deutschland und kann seine gewohnt dynamischen und stimmgewaltigen Kinder an den Ohren in die Luft heben, ermahnt mich aber ähnliches nicht zu Hause auszuprobieren. Diese Gefahr besteht nicht.

Tana ist charmanter als jede mir bekannte Stadt auf dem afrikanischen Festland. Häuser, Autos (siehe oben) und Menschen wirken etwas gepflegter als andernorts; die Slums hat man sicherheitshalber an den Stadtrand gelegt. Auch das Essen ist hervorzuheben: Während man in Lagos ein halbes Hähnchen für 15 Dollar bestellt und ein verkohltes Knochenhäufchen bekommt, während man sich in Dar-es-Salaam mit dem ersten Salatblatt eine Amöbenruhr einfängt, isst man in Tana das zarteste und bekömmlichste Zebu-Fleisch mit den erlesensten Beilagen.

Dafür, dass man sich hier noch vor nicht allzulanger Zeit die Köpfe ordentlich eingeschlagen hat, wirkt alles sehr friedlich. Nur die Polizei wollte mich nachts zunächst unbedingt mit auf die Wache nehmen, aber man konnte sich auf einen Vergleich einigen. Das war dann auch der einzige Verhandlungserfolg der Reise.

Saturday, March 03, 2007

Sorglos.



Anna hat heute gemailt und gesagt, es gehe ihr nicht gut. Anna hat eine Erkältung, Anna liegt im Bett. Anna ist mit mir sehr früh aufgestanden, um 2 Uhr morgens letzten Dienstag. Wir haben uns in ein Taxi gesetzt und sind zum Flughafen Ben-Gurion gefahren. Das hat 120 Shekel gekostet, Anna hat bezahlt. Wir haben umgerechnet: 120 Shekel sind 22 Euro, ein Schnäppchen, weil der Preis für die einfache Bahnfahrt aus dem Stadtzentrum 8 Euro pro Person beträgt. Kurz vor der Gepäckdurchleuchtung eine Frau: "Was it your first visit to Israel? Are you a couple?" Anna hat zwei Mal verneint. "Then why are you travelling together?" Ich musste meinen Koffer öffnen und alles auspacken: Hemden, Pullover, eine Jeans, ein neues Paar Schuhe, den Kulturbeutel. Den Kulturbeutel sollte ich ausleeren. Die Frau nahm meinen Bartschneider in die Hand, schaltete ihn ein. Er brummte wie ein Dildo, und wir mussten lächeln. "Did you pack your suitcase yourself?" Ich nickte. So ging das fast zwanzig Minuten, dann schob die Polizistin meinen Koffer und die überall auf einem Tisch verteilten Klamotten beiseite, bedankte sich und ließ mich wortlos stehen. Ich packte alles wieder ein und lief zum Check-In-Schalter, an dem Anna auf mich wartete. Da war Anna noch nicht krank. Auch bei unserem Zwischenstopp in Budapest nicht. Jetzt liegt Anna im Bett und denkt nach über Israel, über den Grenzzaun, die jungen Frauen in den olivgrünen Armeejacken, den Ostteil Jerusalems, den vergangenen Sommer mit seinen vielen Demonstrationen, als zeitgleich ganze Wohnblocks in Beirut in Schutt und Asche gelegt wurden und ein Soldat einem Aktivisten die Gummipatrone aus seinem Gewehr in den Hinterkopf schoss. Es war Krieg letzten Sommer, und ich habe bis vor einer Woche am Strand von Tel Aviv gesessen und davon nichts bemerkt. Ich habe einen Hund photographiert, dessen Fell einen optimalen Kontrast zu den orangefarbenen Plastikstühlen eines Strandcafés darstellte. Ein gutes Photo. Ich habe im Februar bei 22 Grad auf das Meer geschaut und festgestellt, dass es in Israel einen Kaffee gibt, der besser schmeckt als in römischen Espressobars, ich habe Einat kennen gelernt und ihre wunderschöne Tochter Shani. Shani ist sieben Monate alt. Als Shani geboren wurde, fuhren fünf Libanesen in einem orangefarbenen Mini Couper Cabriolet durch das zerstörte Beirut. In der Spiegelung ihrer Sonnenbrillen konnte man zerstörte Häuser sehen, die Gesichter der jungen Menschen angewidert, das Bild wurde zum Pressephoto des Jahres gewählt. Mein Photo des Jahres ist ein Dalmatiner vor sehr sauberem Meer, an einem sehr sauberen Strand. Mein Photo des Jahres erinnert mich an wunderbares Essen, große Gastfreundschaft und viele Geschichten von der Queeruption (www.queeruption.org), die ebenfalls vor sieben Monaten stattgefunden hat. In Tel Aviv, während im Norden des Landes Soldaten von ihren Befehlshabern erklärt bekamen, dass die abgeschossenen Raketen präzise programmierbar seien, Abweichungen maximal einen Radius von 5 Metern Durchmesser betragen könnten. Die Soldaten haben das geglaubt, sie glauben es auch jetzt noch, auch nachdem die IEER längst das Gegenteil bewiesen und dafür die Schäden im ehemaligen Jugoslawien untersucht hat. In einem indischen Restaurant habe ich einen dieser israelischen Soldaten getroffen. Er hat mir seine Geschichte erzählt, von seiner Rolle als Reservist und von seiner Wut, die Familie und das Zuhause für einen Kriegseinsatz verlassen zu müssen. Er erklärte mir, dass man in einem Krieg nicht wissen könne, was passiere, die Aktionen seien von der Regierung beschlossen und von ihm nur ausgeführt worden. Ein netter junger Mann mit Zopf, gutmütigen Hundeaugen und den überzeugenden Argumenten seiner Vorgesetzten. Aber eigentlich geht es mir nicht um diesen jungen Mann, ich will von Anna sprechen. Sie liegt im Bett, muss sehr viel husten und versucht, sich Rechenschaft darüber abzulegen, ob sie mir das richtige, das echte Israel gezeigt hat. Anna hat heute geschrieben. Sie hat angekündigt, mir bei unserem nächsten Besuch das politische Israel zeigen zu wollen, sie habe ein schlechtes Gewissen, weil wir es so gut hatten während unserer Rundreise. Anna ist wunderbar. Anna hat mich bei der Hand genommen und mich in den Bus nach Masada gezerrt. Ich solle in Israel auf keinen Fall Bus fahren, hatte man mich vor meiner Abreise aus Frankfurt gewarnt, aber Anna ließ meine Angst nicht zu. Ungefährlich sei das mittlerweile, beschwichtigte sie, und wir fuhren durch die Wüste hinter Jerusalem, die durch die Regenfälle der vergangenen Wochen überraschend grün aussah. Zwischen den Hügeln die Hütten der Beduinen. Die Beduinen, das erzählte Anna, würden von der Regierung am Ziehen gehindert und lebten deshalb in Blechbehausungen am Straßenrand. Ich konnte Wassertanks sehen, Holzbretter, die vor der Sonne Schutz bieten, in kurzen Abständen auch immer ein paar Kamele, die sich über das frische Gras hermachten. Ich versuchte, zu photographieren, aber der Bus fuhr schnell über die kurvenreiche Straße. Ein paar Kilometer weiter erreichten wir das erste Kibbuz. Der Bus wurde durch eine Schranke gelassen, vor einem Häuschen saß der bewaffnete Pförtner. Im Inneren des umzäunten Kibbuz begrünte Vorgärten, einstöckige Häuser und ein Straßenraster, das für einen Moment den Gedanken zuließ, man führe durch ein Dorf im US-Bundesstaat Nebraska. Eine gute Stunde später endlich Masada: Hoch oben auf einem sandigen Hügel, unten die Seilbahnstation mit integrierter Cafeteria. Anna und ich kauften Tickets und folgten Hinweisschildern bis zu einem kleinen Kino. Wir erfuhren, dass man uns einen kurzen Film über die Bedeutung Masadas zeigen wolle, der die Wartezeit bis zum nächsten Gondelstart verkürze. Masada sei das Symbol des jüdischen Freiheitswillens, eröffnete uns ein Moderator, der durch den Film führte, und beschrieb den Heldenselbstmord von über 900 Juden, die sich der Übermacht aus 12.000 römischen Legionären ausgesetzt sahen. Lieber in Freiheit sterben, als den Römern als Sklave dienen, der Moderator stockte kurz, schluckte und richtete seine Frage mit Blick in die Kamera an uns Zuschauer: "Wie würden Sie sich entscheiden?" Wir fuhren mit der Seilbahn nach oben. Sie habe mir zu wenig von dem politischen Israel gezeigt, schreibt mir Anna heute, und dass ihr Hund bei ihr im Bett liege und ihr Gesellschaft leiste. Ein schöner Hund, ein Mischling aus Labrador und Dackel, den sie aus Spanien mitgebracht hat. In Tel Aviv gibt es viele Hunde. Und ein Gesetz, nach dem jeder Hundebesitzer die Scheiße seines Lieblings vom Bürgersteig greifen und in einen Mülleimer werfen muss. Abends stand ich oft auf dem Balkon von Siris großzügiger Wohnung im Süden der Stadt und habe aus dem vierten Stock dabei zusehen können, dass die Anweisung von den Bewohnern der Stadt ernst genommen wird. Manchmal stellte sich Siri zu mir auf den Balkon und berichtete von der Queeruption. Im Krieg gebe es ohnehin die besten Partys, erzählte sie, im Krieg gehe man erst gegen den Krieg demonstrieren und verabrede sich gegen Abend zu einer Feier. Das Leben sei intensiv in Tel Aviv, und in Kriegszeiten steigere sich diese Lebensfreude noch. Ich konnte das verstehen. Anna schrieb heute von ihrem schlechten Gewissen. Sie habe mir zu wenig von dem Furchtbaren gezeigt und wolle mir deshalb eine DVD-Dokumentation schicken, die 'Route 181' heißt und über die Konflikte in der Region Aufschluss gebe. Ich habe Anna geantwortet und geschrieben, dass ich mich darüber freuen würde. Am Schluss von Annas Mail ein Link. Sie habe mir von der Geschichte erzählt, schreibt sie, man könne auf dem Video sehen, wie kurz der Zug der Demonstranten gewesen sei, auch werde ich verstehen, dass es unmöglich war, den Schüssen der Soldaten auszuweichen. Die Frau mit dem pinken Haarband sei T. Von T. hatte mir Anna schon in Jerusalem erzählt, kurz nach unserem Besuch der Klagemauer. T. sei die erste bei dem Verwundeten gewesen, sie habe seinen blutenden Kopf gehalten und dafür gesorgt, dass ein Krankenwagen gerufen wurde. T. sei erst spät zur Gruppe der Demonstranten zurückgekehrt und habe mit Blick auf ihr blutverschmiertes T-Shirt nur gesagt: "It's ok, it's not mine." An diesen Ausspruch könne man sich auch heute noch erinnern, man habe ihn während des Krieges immer wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen zitiert. Der Link führt also zu einem Video, das man im Internet finden kann, wenn man möchte. Liebe Anna, alles war politisch an unserer Zeit in Israel. Meine 96-jährige Tante, die 1933 aus Berlin geflohen ist, meine 94-jährige Tante, die im Jahr 1936 folgte. Die Geschichten über meinen Vater politisch, selbst die wunderschöne Frau im Straßencafé, die mir so herrlich mürrisch meinen Kaffee hingestellt hat jeden morgen politisch. Jede Straßenecke erzählt ihre Geschichte, aber die beste Geschichte hat Shani als Hauptfigur, sieben Monate alt und mit Eltern, die ihre Wege durch Jerusalem über das Handy erfragen müssen, weil sie aus Tel Aviv kommen und sich in Jerusalem nicht auskennen, ihre Informationen aus Reiseführern lesen müssen. Ich habe keinen Reiseführer gebraucht, ich hatte Dich. Also Danke, vielen Dank. Und werd endlich schnell gesund. Wir müssen bald wieder los.

Saturday, February 10, 2007

Drei Reden bei gedachten Gelegenheiten.




Ästhetisches Stadium: Ankunft, Kopenhagener Flughafen, 25.01. Ich habe keine Krone und vergessen, dass Dänemark noch kein Euroland ist. Vom Flugzeug aus werde ich durch mehrere Ankunftshallen geführt, in denen sich ein Geschäft an das nächste reiht. Beim Betrachten der Boss-Auslegeware nehme ich Wohlstand als etwas wahr, das für mich in immer weitere Ferne rückt. Ich setze mein Alter in Beziehung zu meinem Kontostand, ohne daraus etwas ableiten zu können. Schließlich sehe ich an der Gepäckausgabe eine Wechselstube und tausche 70 Euro für 500 Kronen. Ein gutes Geschäft verlangt nach einem Danke, aber ich kenne das dänische Wort nicht und sage deshalb: Thank You. Mein Koffer drückt sich als zweites Gepäckstück durch die breiten Gummifäden und kommt auf mich zu. Als ich danach greifen will, stoße ich einen Herren an, der beinahe vornüber kippt. Ich starre auf seinen Mantel und finde ihn schön. Weil ich nicht weiß, was das dänsiche Wort für Entschuldigung ist, sage ich: Sorry. Der Mann, etwas irritiert, sagt: Yes. Vor der Flughafenhalle stehen Menschen in einer langen Schlange und warten auf ein Taxi. Ich stelle mich dazu. Es ist sehr kalt, trotzdem rauchen viele der Wartenden. Kurz darauf rauche auch ich. Als mir ein Taxifahrer zum Einsteigen winkt, bin ich mit dem Rauchen noch nicht fertig. Ich überlege, ob ich die Zigarette einfach fallen lassen darf und sehe mich um. Auf dem Boden liegen keine Zigaretten, obwohl jeder zweite in der Warteschlange raucht. Ich fühle eine erste Verzweiflung und frage mich, ob Dänemark eines der Länder ist, das mit umgerechnet mehreren Hundert Euro die Verschmutzng von Gehsteigen verwarnt. Ich gebe dem Taxifahrer das Gepäck und schnicke die Zigarette unter seinen silber-grauen Mercedes, dann steige ich ein. Weil ich weder den Hotelnamen, noch die Straße richtig aussprechen könnte, gebe ich dem Fahrer mein aufgeschlagenes Notizbuch. Es schaut es sich sehr lange an. Natürlich frage ich mich, ob er heimlich meine Aufzeichnungen liest und strecke meine Hand aus. Ich bin angeschnallt und komme nicht weit, erhalte aber das Notizbuch zurück. Wir fahren an. Es schneit ganz kleine Kristalle, die der große Frontscheibenwischer mit einiger Brutalität nach rechts und links fegt. Ich beschließe, Kopenhagen schön zu finden, reibe die beschlagene Scheibe mit meinem Ärmel frei und schaue hinaus. Es ist bereits dunkel. Im Hotel bekomme ich den Kaffee in einer Blumenvase und sitze auf tiefen Designermöbeln. Das ist nicht sehr angenehm und damit Spiegel der Zeit. Später im bunten Zimmer schaue ich fern und merke, dass in Dänemark nichts synchronisiert wird. Im Hintergrund brummt die Belüftungsanlage des Badezimmers. Das Bett ist zu klein für zwei Personen, deshalb gehe ich nicht mehr aus. Der Grund für meine Lethargie kommt mir lächerlich vor, aber mir fällt kein besserer ein.





Ethisches Stadium: Ich denke im Schlaf zu viel nach und bin deshalb müde, als ich aufwache. Beim Frühstück gibt es den Kaffee wieder in schwarz eingefassten Blumenvasen mit Hotellogo darauf. Ich sitze viel zu tief auf zu harten Hockern und esse Weißbrot mit Käse. Ich frage mich, wem ich eine Kurznachricht schreiben könnte und lese dann Zeitung. Wahrscheinlich bin ich einsam, aber es gelingt mir immerhin, die Überschriften zu verstehen. Ich bin also stolz und einsam. Später mache ich einen Stadtrundgang und bemerke Denkmäler und Brunnen. Auf einem großen Platz das Denkmal eines Pferdes. Ich stelle mich direkt davor, sehe aber den Reiter nicht. Da ich es für eine Huldigung der vielen Pferde halte, die in kriegerischen Auseinandersetzungen ihr Leben lassen mussten, photographiere ich es.



Um kurz vor Zwölf höre ich Marschmusik. Ich drehe mich um und sehe schwarz gekleidete Männer mit großen flauschigen Hüten auf mich zulaufen. Sie tragen Instrumente und spielen darauf. Passanten folgen ihnen und machen Photos. Ich beschließe, vor der Musikantengruppe herzugehen und werde auf einen großen Platz getrieben. Genau in der Mitte bleibe ich stehen. Ich mache ebenfalls ein Photo, als die Männer vor einem Gebäude vorbeigehen. Das Gebäude gefällt mir, es ist das königliche Theater. Am Nachmittag werde ich erfahren, dass die Musikanten die königliche Leibgarde waren. Es ist also ein Photo, auf dem die Dinge stimmig sind.



Bevor ich zum Goetheinstitut laufe, sehe ich mir Kirchen an. In einer dieser Kirchen entdecke ich eine Uhr. Sie steht vor einer Säule, genau gegenüber der Kanzel. Ich schließe daraus, dass dänische Pfarrer einem genauen Zeitplan folgen und frage mich, ob das eine Möglichkeit ist. Dänemark ist ein modernes Land. Man hat vielleicht, so denke ich, die Zeit für Predigten reglementiert, um die Menschen wieder in Kirchen zu locken. Wenn der Vatikan das erführe. Kann aber auch sein, dass jedes Mittel recht ist.



Zum Schluss meines Rundgangs laufe ich den runden Turm nach oben und schaue über die Stadt. Es ist sehr windig. Der Nieselregen ärgert meine Backen. Auf der Plattform sind außer mir noch eine alte Frau und drei Kinder in gelben Regenjacken. Die Kinder sind zu klein, um über das Geländer zu sehen und rennen deshalb wild durcheinander. Als ein Kind auf sein rechtes Knie fällt und Schmerzen hat, stehle ich mich davon.


Religiöses Stadium: Am Morgen meines letzten Kopenhagentages besuche ich Christania. Sie ist noch immer autonom, obwohl über dreißig Jahre alt. Ich bin auch über dreißig und frage mich, was mit mir passiert ist. Christiania hat Platz für über 800 Menschen, ich bin schon ausgefüllt mit mir selbst. An Marktständen werden Tücher mit den Antlitzen berühmter Persönlichkeiten verkauft, vor einer alten Lagerhalle baut jemand einen Schneemann. Ich möchte photographieren, aber das ist hier verboten. Am Ende einer langen Straße liegt das sicherste Café der Welt: Der Moonfisher.



Ich gehe hinein und bestelle einen Kaffee. Er kommt im Glas. Vor den großen Fenstern sitzen Menschen ganz bei sich selbst. Auch mich überkommt eine bemerkenswerte innere Ruhe. Aus Lautsprechern, die mit Eisenketten an der Decke befestigt sind, klingt die Musik der Beatles. Schon nach einer halben Stunde des Sitzens dringe ich zu meinem Innersten vor. Ich denke nicht mehr, ich fühle. Und ich versuche, das eine gegen das andere auszuspielen, aber es gelingt mir nicht. Ich würde gern für immer hier sitzen, muss aber aufbrechen zum Treffpunkt: 13 Uhr, Forfatterskolen.



Am Abend soll ich eine Geschichte vorlesen und nehme Platz in einem Saal. An der Decke ist der Stuck rekonstruiert und grau angemalt worden. Auch das finde ich schön. Neben mir sitzt nämlich Ida Marie Bertelsen, in die ich mich immer wieder ganz kurz verliebe, ohne es ihr zu sagen. Natürlich sage ich nichts, denn nur heimliche Liebe ist wirklich bedingungslos. Wenn man alles zu Sprache machte, was gefühlt wird, gäbe es schon bald kein Gefühlt mehr. Nach der Lesung trinken wir Rotwein aus Tetrapacks. Ich halte meinen Plastikbecher unter den Plastikzapfhahn und drücke auf einen Knopf. Es dauert nicht lange und der Becher ist voll. Ich schaue mir den Aufdruck des Pappkartons an: Dry Red Wine steht dort, 2005. Mehr brauche ich nicht zu wissen. Da es sehr spät ist und mein Flug sehr früh am nächsten Morgen geht, trinke ich schnell und viel. Kausalität interessiert mich nicht mehr. Multikausalität noch weniger, denn Ida Marie Bertelsen ist schon lange weg. Bevor sie gegangen ist, hat sie gefragt, ob ich mitkommen will auf eine Party. Aber für wen hat sie mich halten können, wenn ich doch selbst nicht weiß, aus was ich gemacht bin! Eine Frau stellt sich zu mir und beklagt sich über Kopenhagener Neubauten. Das habe ich nun davon. Sie spricht Deutsch mit mir, aber das merke ich erst sehr spät. Ich täusche deshalb Hunger vor und stelle mich ans Büffet. Ricardo Montserrat trägt einen langen Schal und einen Borsalino. Er sagt, dass er gerne vorlese und dass das nächste Treffen in Saint-Malo stattfinden müsse. Ich nicke. Draußen ist der See gefroren. Aus dem Fester sehe ich die Enten, die ganz vorsichtig auf der Eisläche schlafen. So etwas können nur Enten: vorsichtig schlafen. Aus dem Tetrapack kommt immer mehr Wein. Aus dem Tetrapack kommt immer mehr Wein. Das Mosting-Haus wurde vor mehr als Hundert Jahren gebaut. Auf dem Weg zur Metro ist der Gehweg glatt. Ich sehe mich schlittern und lache. Die Metro ist erst fünf Jahre alt. Sie ist Zukunftsmusik. Sie fährt einen Zweiminutentakt. Ihre Rolltreppen sind groß. Ich rufe mich zur Ordnung meines Selbst. Ich habe ein Vorbild. Ich habe ein Bild.


Friday, February 09, 2007

Chez Marinette



Setz‘ dich hin und ich erzähl‘ dir was. Ich erzähl‘ dir, dass sie heute aus Paris gekommen sind. Im breit bereiften Wagen, zwei Kindersitze auf der Rückbank. Später haben sie eingekauft im Le Clerk, sie haben 195 Euro ausgegeben, genau wie beim letzten Mal. Ihr Briefkasten war voll, und als sie durch den Garten liefen, konnten sie die Sterne sehen, aber die Sternbilder nicht erkennen, weil hier alles auf dem Kopf steht. Später haben sie einen Spaziergang gemacht und sich geschämt, weil das Haus, in dem die Deutschen vor sechzig Jahren gewohnt haben, noch heute leer steht. Keiner will es haben, du etwa? Bei Anbruch der Dunkelheit sind sie in die Stadt gefahren, um bei Julien zu essen. Sie haben Trinkgeld wie Touristen gegeben, dabei wohnen sie schon so lange hier. Sie sprechen unsere Sprache, sie nicken im richtigen Moment, und genauso richtig ist es, wenn sie ab und zu den Kopf schütteln. Unser Land gefällt ihnen. Sie kaufen Meersalz und schicken es nach Hause, weil es dort so teuer ist, dass man es nur in sehr feinen Restaurants bekommt. Auf dem Weg hierher kamen sie mir entgegen. Sie haben aus dem Fester gegrüßt, ich habe zurückgenickt. Ich weiß nicht, aber ich glaube, dass ich sie ganz gerne mag. Und du?

La vie en Bretagne




Das Wasser lebendig um meine Fußknöchel, die Spiegelungen der Sonne wie ewiges Blitzlichtgewitter. Im Hintergrund eine Mole und die Frage: Wer hat sich das ausgedacht? Das Springen über Felsen ist kein Wandern, und gegen den Wind gelehnt, strecke ich die Hand aus und greife nach deiner. Sie gleitet mir durch die Finger als Ahnung. Zusammen hören wir das Meer, wie es die Muscheln, die sich an Felsen festklammern, in einem langsamen Takt wiegt. Wenn ich sterben möchte, dann hier, so gar nicht allein unter Wolken, die sich ehrfürchtig nur bis an die Küstenlinie trauen. An deiner Seite, kurz hinter der blauen Stadt, die sich seit Hunderten von Jahren auf uns freut (Das hat sie mir verraten). Auf zwei, die sich nicht mehr sehen, aber doch immer fühlen können, zwei wie wir.

Tuesday, February 06, 2007

Die Wichtigkeit abschließbarer Türen

Es gibt ja wenige unangenehmere Dinge als eine nicht abschließbare öffentliche Toilette. Bei dem obigen Exemplar dagegen (gesichtet in einem Strandort bei Lagos, Nigeria) funktioniert der Schließmechanismus ganz ausgezeichnet. Keine Beanstandungen. Na gut, die eine oder andere Wand hätte etwas blickdichter ausfallen können.

Sinnvolle Regeln

Endlich mal eine sinnvolle Regel, damit man ungestört am Tresen sein Bier trinken kann. Lagos ist wirklich in jeder Hinsicht eine progressive Stadt.