Sunday, July 20, 2008

Jerusalem

Wenn ich früher in den Nachrichten von Jerusalem hörte, dann habe ich es mir als weite Fläche vorgestellt, in sich hier und da etwas Wichtiges befindet, die komprimierte Kulturgeschichte der Welt, Heiligtümer, Streitobjekte. Jerusalem war sicher tatsächlich einmal größer gewesen, es schrumpft unaufhörlich. Große, aber leise Bulldozer müssen es sein, die Nacht für Nacht unbemerkt an den Stadtmauern ansetzen und die Altstadt immer enger zusammenschieben. Die Energie potenziert sich, konzentriert sich auf einen immer kleiner, aber dichter werdenden Punkt, einen glühenden Weltnabel. Als ich ihn betrat, wurde ich zum Meteoriten, der, in die Atmosphäre eingetreten, fortan verglühte. In der Hand hielt ich eine Karte, die mir die Altstadt in 3D verdeutlichte. Ich absolvierte ungewollt alles in einer halben Stunde, armenisches Viertel, christliches Viertel, jüdisches Viertel, gleich hatte ich, aus Versehen, denn ich war mir dessen nicht schnell genug bewusst geworden, voll und ganz durchleuchtet ein Drehkreuz passiert, und stand nun auf dem bestbewachten Platz der Welt, doch so schnell konnte ich mir die Lage nicht verdeutlichen, mir wurde nicht klar, was ich sah, nein: gesehen hatte, denn nun befand ich mich bereits in einer kleinen Seitengasse im arabischen Viertel und traf auf Abed al Nasser. Al Nasser lud mich zu einem arabischen Kaffee ein und ich nahm dankend an, denn er bot mir einen Stuhl an und ich wollte mein Verglühen, wenn es schon nicht aufzuhalten war, zumindest kurz unterbrechen. Ein Blick auf meinen Stadtplan, den ich in meiner Hand behalten hatte, ergab, dass ich ihn verloren hatte. Noch ehe sich die Kaffeefusseln in der Tasse gesetzt hatten, erfuhr ich, dass Al Nasser während der ersten Intifada acht Mal in den Arm und einmal in den Kopf geschossen wurde. Ein paar Mädchen kamen und beschauten die Ringe in Al Nassers Auslage, probierten sie an, kicherten. Al Nasser berichtete weiter: Er habe short arms. Tatsächlich sahen seine Arme recht kurz aus. Ich verstand soviel: Wegen der vielen Ein- und Durchschüsse mussten sie ihm gekürzt werden. Konnte man Arme kürzen, fragte ich mich, während Al Nasser mich fragte, warum ich hier wohl so viele Menschen sähe, die mit Waffen herumliefen. Short Arms, dachte ich, vielleicht meinte er: kurze Waffen? Nebenbei palaverte Al Nasser mit potenziellen Kundinnen, die, weiß umschlungen, interessierte Blicke auf die Waren Al Nassers warfen, Steine, Schmuck, Elektroautos – doch das scheinbare Interesse an den Waren entpuppte sich als ritualisierter Teil eines Gesprächs unter Bekannten. Ein alter Freund von ihm, sagte Al Nasser, ginge hier auch mehrmals täglich entlang, nur sei er das jetzt nicht mehr, ein Freund. Er wisse nicht, ob er ihn noch aus Höflichkeit grüßen sollte, sein Herz sagte ihm, er solle ihn ganz und gar hinter sich lassen. Ich nahm einen kräftigen Schluck Kaffeesatz, mein Mund voller Krümel, sagte ich Yes, thank you, als mir Al Nasser einen neuen Kaffee anbot. Die Juden, sagte Al Nasser, sie laufen hier durch die Gassen mit ihren Waffen. Auch alle Araber, die in der Politik tätig sind, seien eigentlich Juden, sagte Al Nasser, und während sein Mund immer breiter wurde lösten sich meine Lippen im heißen Kaffee auf. Ich saß in einem Geflecht von Seitengassen, beinahe verloren, so schien es mir, geschrumpft und vergessen. Ob noch jemand von mir wusste? Vielleicht befand ich mich bereits in einer anderen Zeit, einem anderen Raum. Das berühmte Jerusalem-Syndrom, so hatte ich im Reiseführer gelesen, ereilte nicht wenige, besonders gläubige, Touristen, die sich für den Messias hielten oder die Heilige Jungfrau Maria. So sei es schon dazu gekommen, dass zwei Messias heftig miteinander gestritten haben. Diese Fälle kommen auf eine eigens auf das Jerusalem-Syndrom ausgerichtete Abteilung der Psychiatrie. Nach ein paar Tagen, oft sogar Stunden, verschwindet die Psychose meist wieder und die Patienten können zurück in ihr Hotel. Leider war ich nicht gläubig, sonst, ich bin sicher, mir wäre mir so etwas passiert. Nun würde das Syndrom bei mir einen anderen, sicherlich unangenehmeren Weg wählen. Ich stand auf und ging, während Al Nasser weiterredete, und doch, so glaube ich, verabschiedeten wir uns voneinander. Etwas Schreckhaftes saß in meinem Bauch, vielleicht ein kleiner Vogel, der zu fliegen versuchte. Jerusalem, ein winziger, heißer, irrer Fleck auf der Welt. Innerhalb der mehr und mehr zusammenrückenden Stadtmauern saß ich nun fest. Ich lief geradeaus und befand mich nach ein paar Minuten wieder an der selben Stelle. Jerusalem, so wurde mir klar, ist eine Kugel. Das ist logisch, dachte ich. Für Sabi war Jerusalem eine Süßigkeit. Ein rundes Bonbon. Sabi, ein achtjähriger Junge aus Bethlehem, war noch nie in Jerusalem gewesen. Er konnte nicht herkommen. Seine Tante, die einen Passierschein hat, bringt Sabi, wann immer sie in Jerusalem ist, eine Süßigkeit mit. Hast du mir wieder Jerusalem mitgebracht, fragt Sabi sie. Und was bedeutete mir, die ich tausende Kilometer zurückgelegt hatte, Jerusalem? Für Sabi ist es ein Bonbon – er wohnt nur zwanzig Minuten weit weg, auf der anderen Planetenseite. In Gedanken vertieft, stieß ich mit einer christlichen Pilgergruppe zusammen, die die Grabeskirche suchte. Sie war ausgerüstet mit verschiedenen Karten, Büchern und heiligen Accessoires und alle Mitglieder trugen grellgrüne T-Shirts. Sie waren schwer zu verlieren, so dass ich mich ihnen in einer kurzzeitigen Interessengemeinschaft anschloss, denn von der Grabeskirche aus würde ich vielleicht wieder herausfinden, und, ha, da waren wir schon. Vielmehr als auf einem klaren, linearen Weg, bewegte man sich hier in Schlaufen und Haken fort. Man müsse sich den Ort, an den man sich wünscht, nur vorstellen, dachte ich. In der Kirche gingen die Pilger schnurstracks auf die heiligen Stellen zu, ich sah sie grün entschwinden und sich zerstreuen. Inbrünstig rieben sie den Inhalt ihrer Taschen auf dem Stein, auf dem Jesus gesalbt worden sein soll, einer packte DVDs darauf aus. Prozessionen verschiedener Konfessionen behinderten sich und verhakten sich kurzzeitig ineinander, wenn sie einander kreuzten, sie sangen und beteten Verschiedenerlei und für einen Moment verschmolzen die liturgischen Gesänge miteinander, aber jeder achtete darauf, die richtige, seine, Melodie weiter zu singen und sich nicht ablenken zu lassen von den anderen Christen. Nun war ich ergriffen, ich kaufte eine dünne Kerze bei einem strengen, stummen Mönch und bahnte mir einen Weg durch die vielen in der Luft schwebenden Handykameras; durch dieses blaue Leuchten hindurch schwebte ich mit meiner brennenden Kerze in der Hand, vielleicht stundenlang. Als ich wieder herauskam, stieß ich, geblendet von der Helligkeit, mit einem schönen Mädchen und ihrem Maschinengewehr zusammen, das sie lässig über ihrem Sommerkleid trug. Eine größere Gruppe südamerikanischer Nonnen drängte in die Kirche und hätte mich beinahe wieder mit hineingerissen. Nach Gassen voller bunter, über den Köpfen thronender Tücher, sie flatterten nicht, denn hier ging kein Wind, die Luft stand hier seit über zweitausend Jahren, an all den Händlern vorbei, manchmal doch gefangen genommen, einer riss mir beinahe mein Dekollete auf, als ich mir bereitwillig, nein schwach geworden, eine knallrote Kette anprobieren ließ und war beleidigt, dass ich empört war, ich sei nicht leidenschaftlich, sagte er, sonst hätte er mir die Kette geschenkt, nach Biegungen, Treppen, sich verengenden Passagen, sah ich eine Lichtung, wurde wieder durchleuchtet und stand erneut vor der Klagemauer. Im Herzen einer ungeheueren Person, umgeben von goldenen Kuppeln, heiligen Mauerresten und religiöser Hingabe, derart angezogen und abgestoßen, dass ich nur auf der Stelle stehen bleiben konnte. Es dämmerte, Muezzinrufe und Kirchenglocken, Gruppen orthodoxer Juden in abendlicher Geschäftigkeit, immer wieder zum Beten, zum Wiegen, zum Klagen. So nahe, wie hier alle zusammen sind, so kann niemand miteinander sprechen. Je enger alle zusammen sind, um so schärfer werden die Grenzen, die sie um sich ziehen. Sie müssen die Bulldozer aufhalten, sie müssen ihre Stadt beschützen, dachte ich. Die Mauer, die Jerusalem teilt: Wäre sie breit, statt hoch, wäre sie keine Mauer, sondern ein breiter, angeschwollener Fluss. Die Mauer schlängelt sich durch die Stadt. Aber sie ist kein Fluss. In dem Moment wusste ich, jetzt würde ich raus finden, und ich fand raus.